Kann man Wein wirklich blind erkennen?

Die Frage klingt einfach. Die Antwort ist es nicht. Ja, man kann Wein blind erkennen, jedoch nicht immer, sondern eher manchmal. Unter bestimmten Bedingungen, mit viel Erfahrung und einer gehörigen Portion Konzentration. Was die Forschung dazu sagt und warum selbst Profis regelmäßig scheitern, ist eine der faszinierendsten Geschichten der Weinwelt.

Was bedeutet „blind“ eigentlich?

Beim blinden Verkosten sieht der Verkoster weder Etikett noch Flasche. Manchmal ist auch die Farbe verdeckt. Im letzteren Dall spricht man von einer sogenannten doppelblinden Verkostung, bei der schwarze Gläser verwendet werden. Das klingt nach Spielerei, hat aber einen ernsten Hintergrund. Schon die Farbe eines Weins beeinflusst, was wir zu schmecken glauben. In einem bekannten Experiment färbten Forscher einen Weißwein mit geruchlosem Farbstoff rot und erfahrene Verkoster beschrieben ihn prompt mit Aromen, die typisch für Rotwein sind. Das Auge überschreibt die Nase, bevor der erste Schluck genommen wird.

Was Profis können und was nicht

Ausgebildete Sommeliers und Weinexperten können bei einer Blindverkostung oft Rebsorte, Region und ungefähren Jahrgang korrekt einschätzen. Das klingt beeindruckend und ist es auch. Aber die Fehlerquote ist höher, als die meisten vermuten.

Eine der bekanntesten Episoden der Weingeschichte ist das sogenannte Judgment of Paris von 1976. Französische Weinexperten verkosteten blind californische und französische Weine und gaben den Kaliforniern in beiden Kategorien den ersten Platz. Das Ergebnis sorgte für Aufruhr, weil es zeigte, dass selbst renommierte Experten sich von ihren Erwartungen täuschen lassen. Wer glaubt, Bordeaux vor sich zu haben, schmeckt Bordeaux. Ob es nun stimmt oder nicht.

Neuere Studien bestätigen dieses Muster. Wenn Probanden denselben Wein in einer teuren und einer billigen Flasche serviert bekommen, bewerten sie den vermeintlich teuren Wein regelmäßig besser. Das Gehirn verarbeitet Preis als Qualitätssignal und das beeinflusst, was wir tatsächlich wahrnehmen, nicht nur, was wir darüber denken.

Worauf Verkoster achten

Wer Wein blind bestimmen will, tastet sich systematisch vor. Zuerst die Farbe. Tiefe, Nuancen am Rand, Viskosität. Dann kommt die Nase. Primäraromen wie Frucht oder Blüten, Sekundäraromen aus der Gärung, Tertiäraromen aus dem Ausbau im Holz oder der Flasche. Erst dann kommt der Gaumen. Säure, Tannin, Körper, Abgang, Alkohol.

Aus der Kombination dieser Eindrücke lässt sich eine Deduktionskette aufbauen. Hohe Säure und kein Tannin deutet auf Weißwein hin. Zitrusaromen mit mineralischen Noten und viel Säure klingt nach Riesling oder Sauvignon Blanc. Liegt dazu noch ein leichter Petrolton vor, wird Riesling wahrscheinlicher. Zeigt der Wein zudem große Dichte und Reife, könnte es ein gereifter Jahrgang aus Deutschland oder dem Elsass sein.

Das klingt nach Logik und im Grunde ist es das auch, bis die Weine anfangen, sich nicht an die Regeln zu halten. Warme Jahrgänge verschieben die Stilistik, Winzer experimentieren, Rebsorten zeigen in verschiedenen Terroirs völlig verschiedene Gesichter. Ein Grüner Veltliner aus dem Wachau kann einem Burgunder ähnlicher schmecken als einem typischen Veltliner aus der Thermenregion. Selbst Experten mit jahrelanger Erfahrung erreichen bei kombinierter Rebsorten- und Herkunftserkennung oft nur Trefferquoten zwischen 50 und 70 Prozent und das ist bereits ein gutes Ergebnis.

Warum Blindverkostungen trotzdem sinnvoll sind

Auch wer regelmäßig daneben liegt, lernt dabei viel. Blindverkostungen zwingen Teilnehmer dazu, sich wirklich auf das zu konzentrieren, was im Glas ist. Ohne die Krücke des Etiketts, ohne den Anker des Preises, ohne die Erwartung, die ein bekannter Winzername auslöst. Das schärft die Wahrnehmung auf eine Art, die kaum ein anderes Übungsformat erreicht.

Für Einsteiger ist schon die Unterscheidung zwischen Rot und Weiß im schwarzen Glas eine lehrreiche Übung und scheitert öfter, als man denkt. Für Fortgeschrittene ist die Frage nach Rebsorte, Region und Jahrgang eine ernsthafte Herausforderung, die zeigt, wie viel Wissen nötig ist, um überhaupt eine fundierte Vermutung anzustellen.

Was bleibt und was Blindverkostung wirklich lehrt

Wein blind zu erkennen ist möglich. Aber es ist kein Trick, kein Talent und keine Magie. Es ist das Ergebnis von tausenden Stunden Verkostungserfahrung, gepaart mit systematischem Denken und der Bereitschaft, auch danebenzuliegen. Wer anfängt, Wein blind zu verkosten, lernt sehr schnell zwei Dinge. Wie viel das Gehirn außerhalb des Glases mitentscheidet und wie viel im Glas noch zu entdecken ist.

Dabei geht es nicht darum, möglichst oft recht zu haben. Eine falsche Vermutung ist kein Versagen, sondern ein Hinweis auf eine unbekannte Region, eine untypische Stilistik, einen Jahrgang, der anders verlief als erwartet. Jede Blindverkostung ist im Grunde ein Gespräch mit dem eigenen Erfahrungsschatz. Was weiß ich schon? Was fehlt noch?

Selbst wer nie einen Sommelier-Kurs belegt und nie an einem professionellen Tasting teilgenommen hat, kann von dieser Übung profitieren. Es braucht dazu keine schwarzen Gläser und keine Jury. Nur zwei oder drei Flaschen, ein paar neugierige Menschen und die Bereitschaft, das Etikett erst nach der Verkostung umzudrehen. Was danach folgt, ist meistens eine der unterhaltsamsten Diskussionen, die Wein auslösen kann. Warum hat niemand den Riesling erkannt? Woher kam der Tabaknote? Und war das wirklich kein Burgunder?

Genau das ist es, was Blindverkostungen von anderen Weinformaten unterscheidet. Sie machen neugierig. Nicht auf Etiketten, nicht auf Punkte, sondern auf das, was wirklich im Glas steckt.

David Reisner
David Reisner

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